Das folgende Lebensbild wurde von Herrn Prof. Charalampos Aslanidis aus einer alten Familienchronik zusammengestellt, die sich im Besitz seiner Ehefrau Sabine befindet, einer geborenen Unsin und Ururenkelin Magnus Unsins. Es gewährt uns durch diese Datenbasis einen einmaligen und authentischen Einblick in ein außergewöhnliches Augsburger Handwerkerleben des 19. Jahrhunderts. Das Ehepaar Aslanidis hat mir Text und Bilder dieses Dokumentes für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Für dieses großzügige Entgegenkommen möchte ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken.

Magnus Unsin aus Augsburg, ein außergewöhnlicher Goldschmied des 19. Jahrhunderts.

Magnus Unsin mit 60 Jahren

Augsburg ist seit dem Mittelalter als Stadt der Künste, der Musik und des Handwerks bekannt. Das Goldschmiedehandwerk hat weltweiten Ruhm erlangt. In diesem Umfeld lebte und wirkte der wohl bekannteste Augsburger Gold- und Silberschmied des 19. Jahrhunderts, Magnus Unsin. Er schaffte Meisterwerke für Kaiser, Könige, Fürsten und andere hochgestellte Persönlichkeiten der Zeit. Einige seiner Meisterwerke können noch heute in Museen bewundert werden.

Dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit ist diese Seite gewidmet. Sein Leben und Wirken ist in der 20-bändigen Familienchronik seines einzigen Nachkommens, Sohn Heinrich Unsin („Aus meinem Leben“, 1865 – 1945), welche die Ereignisse ab 1819 beschreibt, sehr detailliert wiedergegeben. 

Eine eigene Seite über seinen Sohn und Werkstattnachfolger Heinrich Unsin finden Sie unter:                                                                    

 

Magnus Unsin

Der einer kinderreichen Bauernfamilie entstammende Magnus Unsin wurde am 31.07.1819 in Oberrammingen geboren. Nach seiner schulischen Grundausbildung besuchte er 1833 die Lateinschule in Kempten, die er aber bereits zu Ostern des Jahres 1834 verlassen hat, um eine Ausbildung zum Gold- und Silberschmied zu machen. Seine ersten Kenntnisse erwarb er beim Gold- und Silberschmied Franz Karl Schmedding in Augsburg. Als ausgebildeter Geselle trat er in das Geschäft des Gold- und Silberschmieds Josef Muesmann, „Unteres Kreuz F316“ (heute Auf dem Kreuz 7) ein. Um noch mehr Erfahrung in diesem Handwerk zu sammeln ist er für zwei Jahre bei einem Goldschmied in Schaffhausen gewesen und verbrachte dann noch Zeit in Paris. Mit diesen Erfahrungen kehrte er 1846 wieder zu seinem Mentor und Meister Josef Muesmann nach Augsburg zurück. Er verliebte sich in die Tochter des Meisters, Victoria Hildegard, die er am 22.06.1847 zur Frau nahm.

Durch sein großes Können erlangte Magnus Unsin die Gunst vieler Goldschmiede. So drang sein Ruf auch bis nach Stuttgart. Im Jahr 1846 beauftragte ihn der Stuttgarter Hofjuwelier Münch für die am 13.07.1846 angesetzte Hochzeit des Kronprinzenpaars von Württemberg Karl und Olga, eine 86 cm hohe silberne Vase im griechischen Stil als Geschenk der Stadt Stuttgart anzufertigen. Die Roharbeiten machte Magnus Unsin in der Werkstatt in Augsburg, die finalen Arbeiten führte er in der Werkstatt von Münch in Stuttgart durch. Diese Vase steht unter der Verwaltung der „Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (SSG)“.

Von 1849 – 1858 lebte Magnus mit seiner Frau Victoria in Philadelphia in den USA, wo er eine Silberwarenfabrik leitete. Der Ausbruch der Cholera in Nord-Amerika veranlasste ihn 1858 wieder nach Augsburg umzusiedeln. Seine erste eigene Goldschmiedewerkstatt war in der Philippine-Welser Straße D32/1 (heute Philippine-Welser Straße 19).

1858: Werkstatt von Magnus Unsin in der Philippine-Welser Straße D32/1

Seine Kunst war sehr gefragt und er bekam viele Aufträge. Eine Liste ist hier wiedergegeben:

• Reisekapelle für den Bischof Pankratius aus Augsburg
• Abendmahlskannen für Sankt Jakob, Barfüßer, Heilig-Kreuz und verschiedene andere Kirchen
• Fürst Leopold v. Fugger aus Augsburg bestellte 12 Dutzend Elfenbeinbestecke, mehrere Dutzend Apostellöffel, Eislöffel etc.          und einen silbernen Tafelaufsatz. Sämtliche Kunstwerke befinden sich im Fuggermuseum
• Einen Tafelaufsatz für Kommerzienrat Cl. Haindl
• Je einen silbernen Pokal für Kommerzienräte Biez und Laubäck
• Ein silberner Kreuzpartikel
• Der Rösle Pokal sowie der silberne Taktstock Rösle´s

Ein beruflicher Höhepunkt in dessen beruflicher Schaffenszeit war sicher 1867 der Auftrag der Stadt Augsburg ein prächtiges Geschenk für die geplante Hochzeit des Bayerischen Königs Ludwig II zu fertigen. Es wurde eine Kopie des Augsburger Augustusbrunnens als großer Tafelaufsatz, der mit Wein gefüllt werden konnte. Schon der Kostenvoranschlag dafür belief sich auf 5.000 Gulden, die Endabrechnung ergab 6.533 Gulden, von denen die Stadt aber nur 5.346 Gulden bezahlte, da man das Geschenk wegen der Absage der Hochzeit nicht mehr benötigte. Die einzigartige Silberarbeit hat sich bis heute unbenutzt in den Kunstsammlungen des Maximilianmuseums erhalten.

Augsburger Augustusbrunnen
Magnus Unsin in den 1860er Jahren

http://(https://portale.hdbg.de/koenigreich-bayern/objekte?objekt=1178&cHash=480c933bc23339c32cb30340c1e34c30)

 

Im Jahr 1869 übernimmt Magnus Unsin die Gold- und Silberwerkstatt seines Schwiegervaters Josef Muesmann am Unteres Kreuz F316 (heute Auf dem Kreuz 7). Das ist auch das Haus in dem 1602 der weltbekannte Goldschmied David Altenstetter mietweise wohnte und die österreichische Kaiserkrone hergestellt hat (siehe hinten).

Zeichnungen von Heinrich Unsin: Werkstatt (oben) und das Haus (unten) Unteres Kreuz F316

Im Frühjahr 1876 fand in der Zentralturnhalle in Augsburg eine kunstgewerbliche Ausstellung statt. Der Glanzpunkt der Kunstgegenstände war der frisch renovierte silberne Augustusbrunnen von Magnus Unsin, der, wie das Original, mit Wasser betrieben wurde.

1879: Magnus Unsin mit 60 Jahren

Große Ausstellung in Augsburg (1 Mai 1886 bis 15 Oktober 1886)
Eröffnung der „Schwäbischen Kreisausstellung“ in Augsburg unter dem Protektorat König Ludwig II, durch Prinz Ludwig von Bayern am 01 Mai 1886. Prinz Ludwig besichtigte den Ausstellungsplatz von Magnus Unsin mit großem Interesse.
Für die 6-monatige Ausstellung hat Magnus Unsin von seinen ehemaligen Kunden die von ihm hergestellten Gegenstände aus Silber für seinen Stand in der Ausstellung zur Verfügung gestellt bekommen. Übrigens, Rösle ist der Gründer und langjähriger Direktor und Dirigent der Augsburger Liedertafel, der auch Magnus Unsin angehörte.
    1. Rösle Pokal
    2. Rösle’s silberner Taktstock
    3. Tafelaufsatz (Kommerzienrat Haindl)
    4. Biez-Pokal (Kommerzienrat Biez)
    5. Laubäck-Pokal
    6. Beide Abendmahlskannen
    7. Tafelaufsatz (Fürst Leopold von Fugger)
    8. Elfenbeinbesteckkoffer (Fürst Leopold von Fugger)
    9. Reisekapelle (Bischof Pancratius)
  10. uvm

Für diese Ausstellung vollendete Magnus Unsin einen Ananas Pokal nach einem in der kunsthistorischen Abteilung befindlichen Original.

Im Sommer 1886 besuchte Kronprinz Friedrich (der spätere Kaiser Friedrich III) die Ausstellung in Augsburg. Er bewunderte die Werke von Magnus Unsin und ließ nach ihm rufen. Anschließend ersuchte er ihn sich am nächsten Tag im Hotel „Drei Mohren“ einzufinden, denn er hätte etwas zu bestellen. Fürst Leopold von Fugger war zugegen und brachte Magnus Unsin zum Kronprinzen Friedrich. Dieser durchblätterte die Zeichnungen von Magnus Unsin und wählte einen Ananas-Pokal, den er als „Freihandarbeit“ haben wollte. In ein paar Wochen war der Pokal fertig. Folgender Zeitungsartikel von 1886 belegt den Auftrag.

Im Herbst 1886 war Prinzregent Luitpold von Bayern Gast bei Fürst Fugger. Nach Besuch der Ausstellung bestellte man Magnus Unsin zu sich ins Fuggerhaus. Der Prinzregent persönlich bestellte einen Zirbelnuss Pokal bei Magnus Unsin, solch einen hatte er am Vortag in der Ausstellung gesehen.

1886, Ananas-Pokal für den späteren Kaiser Friedrich III und Zirbelnuss-Pokal für Prinzregent Luitpold von Bayern.
Für den Ananas-Pokal erhielt Magnus Unsin 475 Mark und für den Zirbelnuss-Pokal 200 Mark (siehe Originalrechnungen folgend).

Auszahlungsanweisung der „Schatull-Verwaltung der Kaiserlichen u. Königlichen Hoheit des Kronprinzen und der Kronprinzessin“ (später Friedrich III) an Magnus Unsin 1886 über 475 Mark für einen Ananas Pokal

Auszahlungsanweisung des Prinzregenten Luitpold von Bayern an Magnus Unsin 1886 über 200 Mark für einen Zirbelnuss Pokal

 

Das Historische Haus 

Zeitungsartikel vom 14. Dezember 1926

Die Münchener Neuste Nachrichten publizierten am 14. Dezember 1926 folgenden Artikel über David Altenstetter. Er wohnte und arbeitete 1602 im selben Haus wie Magnus Unsin zu seiner Glanzzeit, Unteres Kreuz F316 (heute Auf dem Kreuz 7, und noch gut zu erkennen).
David Altenstetter war der berühmteste Goldschmied der Zeit. Für einen Betrag von unvorstellbaren 700.000 Reichstalern fertigte dieser die österreichische Kaiserkrone aus Gold und Edelsteinen. Das ist das Haus in dem Magnus Unsins Schwiegervater Josef Muesmann am Anfang des 19. Jahrhunderts seine Goldschmiedewerkstatt betrieben hat, und Magnus, nach der Lehrzeit bei ihm und der Reife zum bekannten Gold- und Silberschmied, diese übernommen hatte.

Münchener Neueste Nachrichten, 14. Dezember 1926

Magnus war, nebenbei bemerkt, ein fröhlicher Sänger und war von Natur aus mit einem schönen Bariton ausgestattet, so dass er bald ein begehrter Sänger der Augsburger Liedertafel wurde. Als langjähriges, aktives Mitglied, wurde Magnus Unsin von der Augsburger Liedertafel im Mai 1889 zum Ehrenmitglied ernannt.
Er war im hohen Alter erkrankt, nahm aber noch einige Arbeiten an. Weil er gesundheitlich angeschlagen war, wurden die Roharbeiten durch seinen Sohn Heinrich Unsin in der Werkstatt im Erdgeschoß durchgeführt, die finale Feinarbeit erfolgte durch Magnus Unsin in seiner Wohnung im ersten Stock, nachdem man ihm eine kleine Werkstatt eingerichtet hatte. Das Treppensteigen wäre zu beschwerlich gewesen. Diese Arbeiten waren zwei altdeutsche Weinkannen für Baron v. Pöllnitz und eine Zuckerdose und zwei Rahmkännchen für Medizinalrat Dr. Müller, seinem Arzt.

Sterbetag: 12. November 1889
Am 12. November 1889 verstarb Magnus Unsin im Alter von 70 Jahren nach schwerer Krankheit. Mit ihm ist wohl der größte Gold- und Silberschmied Augsburgs dahingegangen. Unter großer Beteiligung der Stadt Augsburg, sowie vieler Beileidsbekundungen verschiedener Fürstlichkeiten wurde Goldschmied Magnus Unsin zu Grabe getragen.

Todesanzeige, 13. November 1889

Kondolenzschreiben von Fürst Leopold von Fugger am 14. November 1889 an den Sohn und einzigen Nachkommen von Magnus Unsin, Heinrich Unsin.

Heinrich lernte auch das Gold- und Schmiedehandwerk bei seinem Vater, verließ es aber bald, um sich der Musik- und Dichtkunst zu widmen. Er hat viele Kompositionen geschrieben und so manches Gedicht und Märchen zu Papier gebracht. Das hier Beschriebene und die gezeigten Originaldokumente sind in seiner 20-bändigen Familienchronik hinterlegt und im Besitz seiner Nachkommen. Siehe hierzu die Dokumentation zu Heinrich Unsin:

https://bidmon.com/heinrich-unsin-1865-1951/

Zum Abschluss noch einige Bilder von Werken Magnus Unsins

Tora-Schild aus Kriegshaber im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben
1864 Tora-Schild, 2013 versteigert bei Sotheby's in New York
Tora-Krone im Museum zur Geschichte der Christen und Juden in Laupheim, ca. 1867, durch Brand beschädigt
1866 Zwei Tora-Spitzen im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben
Messgarnitur der Familie von Pöllnitz, 2022 versteigert beim Auktionshaus Lempertz

Sollten Sie über weitere Informationen oder Bilder verfügen, die zur Verbesserung und Ergänzung dieser Seite beitragen können, bitte ich um Kontaktaufnahme per Email.

Zudem bestehen Überlegungen in einem großen Augsburger Museum eine kleine Ausstellung zum Leben und Werk von Magnus Unsin zu veranstalten, auch hierzu suchen wir Leihgeber, die bereit sind Objekte dafür zur Verfügung zu stellen. Auch für Hinweise auf potentielle Leihgeber sind wir sehr dankbar.