Kreisheimatstube
Der langjährige Günzburger Landrat und Bezirkstagspräsident Georg Simnacher, der zahlreiche kulturelle und volkskundliche Projekt in Bayerisch Schwaben zum Leben erweckt hat, begann um 1980 mit konkreten Planungen zur Schaffung eines kleinen Freilichtmuseums in Mittelschwaben, in dem bedrohten ländlichen Bauten Asyl gewährt werden sollte, um sie damit für spätere Generationen zu bewahren. Untrennbar mit diesem Gedanken verband er die Vorstellung, dass sich dies dauerhaft nur erfolgreich erreichen lasse, wenn es gelingt neues Leben in die alten Gebäude zu bringen. Innerhalb weniger Jahre entstand so ein Erfolgsprojekt das seinesgleichen sucht. Es wurde und ist bis heute ein Zentrum für vielfältigste Beschäftigung mit dem Leben unserer Vorfahren, mit dem Ziel deren Tätigkeiten und Traditionen fortzutragen und sie für uns Heutige sichtbar, greifbar und nutzbar zu machen. Es geht hier um alle Arbeiten des täglichen Lebens, um Lebensmittelverarbeitung, um Kochen, Backen und Konservieren, Mosten und Bierbrauen, um Kleidung und Textilien, Nähen und Stricken, um Schafhaltung und Imker, Drechsler, Krippenschnitzer und Maler, Sänger und Musikanten, Märchenerzähler und Mundartdichter, um Beisammensein und Miteinander.
All das funktioniert seit über vier Jahrzehnten bestens, mit kleinem Etat aber mit viel persönlichem Einsatz der Leiterin Barbara Mettenleiter-Strobel und ihren ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern.
Bei allen die an diesem Projekt beteiligt waren oder sind möchte ich mich und sollten wir uns alle, recht herzlich bedanken.
1981 begann die schwierige Umsetzungsphase, waren doch zu dieser Zeit spezialisierte Handwerker kaum zu finden. Zum Glück gab es in der Gegend noch kleine Handwerksbetriebe, die alte Techniken beherrschten und so den Neuaufbau aller Gebäude bewerkstelligen konnten.
Zunächst wurden zwei Gebäude auf das Gelände des ehemaligen mittleren Weihers in Stoffenried umgesetzt, eine Sölde mit Fachwerkobergeschoss aus Oberwiesenbach und ein kleines Austragshaus aus Hohenraunau, 1991 kam noch eine Seilerbahn aus Langenhaslach hinzu. Gleichzeitig wurde auch der Bauernhof Schwaninger Straße 20 ins Museumensemble integriert, der inzwischen zum zentralen Versammlungsgebäude der Anlage geworden ist. Ursprünglich kam diese Funktion der Kreisheimatstube, der aus Oberwiesenbach stammenden Sölde zu.
Die extreme Eingeengtheit der Sölde schlägt sich auch in ihrem Grundriss nieder. Stube, Küche und eine kleine Speisekammer liegen entlang eines durchgehenden Flures, an den der Stall angrenzt. Es ist allerdings kein typischer Grundriss eines mittelschwäbischen Mitterstallhauses, da der Stall nicht quer im Gebäude liegt, sondern längs. Dies bedingt die ebenfalls längs liegende Scheune durch die verdrehte Einfahrsituation vom Giebel her. Man sieht an diesem Beispiel gut, dass die in der baugeschichtlichen Literatur aufgezeigten ″typischen″ Grundrisse keineswegs immer vorhanden sind, sondern dass sich häufig durch örtliche Gegebenheiten atypische Anpassungsformen finden.
Trotz seiner Enge und seiner wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten war das Haus Heimat und Lebensgrundlage vieler Menschen. Im 18. Jahrhundert gehörte das Haus Blasius Bader, von dessen Tochter Maria gelangt es durch Heirat 1795 mit Michael Mickenrieder aus Unterwiesenbach in deren Familie. 1835 geht es an den Sohn Jakob Mickenrieder und 1864, wiederum durch Heirat seiner Tochter Josepha an Leonhard Thalhofer aus Oberegg. Sie bekommen bis 1886 insgesamt 19 Kinder, zwölf Mädchen und sieben Söhne, von denen aber mindestens acht schon im Kleinkindesalter sterben. 1881 verlassen sie das Haus, den Grund kennen wir nicht, und ziehen auf Haus Nr. 6.
Die Sölde findet mit Joseph Stegmann von Haus Nr. 36 schnell wieder einen neuen Eigentümer, dessen wirtschaftliche Lage der Enge und ungünstigen Lage des Hauses in nichts nachsteht. Von den zwölf Kindern die seine Ehefrau auf Haus Nr. 36 geboren hat, leben beim Umzug nur noch zwei Töchter.
Dass hohe Kindersterblichkeit und früher Tod der Erwachsenen, alltägliche Not und soziales Elend der damaligen Zeit nicht auf Unfähigkeit und Faulheit der Menschen beruht, sondern ihre Wurzeln in den sozialen und politischen Verhältnissen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit haben, zeigt sich durch das Leben der nächsten Hausbesitzer.
Joseph Stegmanns Frau stirbt 1891, die Sölde ist verschuldet und nur schwer zu halten, als nach der Jahrhundertwende ein junger Mann ins Haus kommt, der sich im Auftrag eines Gläubigers vor Ort ein Bild machen soll, wie die Situation, zur Sicherung der Forderung, verändert werden kann. Es ist der 1874 in Magetsweiler bei Tettnang geborene Wilhelm Spies, der aus einem größeren Gutshof stammt. Mit ihm kommt alles anders. Er verliebt sich in Stegmanns Tochter Kreszentia, sie heiraten 1902 und übernehmen mit seinem ausbezahlten Erbteil die Sölde, die inzwischen die Nummer 47 1/2 trägt. Die Sölde hat jetzt eine solide wirtschaftliche Basis und einen gut ausgebildeten Besitzer, der wertvolle Kenntnisse aus dem heimatlichen Obstbau mitbringt und in seinem neuen mittelschwäbischen Wirkungsbereich zielstrebig einsetzt und wirtschaftlich verwertet.
Sölde aus Oberwiesenbach
Das kleine Bauernhaus stand bis 1981 nördlich des hohen Kirchberges am heutigen Ringweg, der sich seit jeher in einem langen Bogen vom Kirchenvorhof hinunterzieht zum Schwarzbachtal. Es war immer mit dem Amt des Mesners verbunden. Das zugehörige Grundstück war sehr schmal, so breit wie das Haus und klein, die Südseite lag direkt am Weg. Die Nordseite auf der Grenze zum unterhalb liegenden Nachbarn. Die Sölde war im Vergleich mit der heutigen Lage um 180° gedreht, der Wohnteil zeigte nach Osten, vor der Giebelseite lag hier ein kleines Gärtchen. Im Westen gab es als einzige Wirtschaftsfläche ein abfallendes, dreieckförmiges Stück Grund. Da auf der Südseite des Hauses kein eigener Grund vorhanden war und der Weg zu schmal war um einem Erntewagen die Einfahrt in eine Scheune zu ermöglichen, musste der kleine Grundstückszipfel im Westen sowohl die Einfahrt in ein völlig atypisch im Giebel angebrachtes Scheunentor und den Misthaufen aufnehmen. Die Arbeitsflächen waren selbst für eine Kleinlandwirtschaft völlig ungenügend. Auch der zugehörige landwirtschaftliche Grund war extrem klein. Auf der Karte der bayerischen Urkatasteraufnahme der 1820er Jahre findet sich nur eine handvoll kleinster Grundstücke, die die dem Haus gegebene Nummer 14 tragen.
Austragshaus aus Hohenraunau
Dieses kleine, wunderschöne Fachwerkgebäude, nach seinen ehemaligen Bewohnern Wagnerhaus genannt, kam schon in der ersten Ausbaustufe ins Stoffenrieder Museum. Es stand früher in einer Kurve der Hohenraunauer Dorfstraße, wo es Ende des 18. Jahrhunderts als Austragshaus erbaut wurde. Es trug die Hausnummer 22. Später wurde es vom Hof abgetrennt und wurde Heimat landloser Dorfbewohner, die sich mit Gelegenheitsarbeiten als Taglöhner durchs Leben bringen mussten. Da es einem Erweiterungsbau des Nachbargebäudes im Wege stand, wurde es 1981 abgebaut und hierher transferiert.
Auf den gemauerten Sockel folgt ein Fachwerkober- und dachgeschoss. Auf den ersten Blick auffällig ist die an die Hausecke verschobene Eingangstür. Wegen der geringen Größe des Hauses war nämlich kein Platz für einen eigenen durchgehenden Hausflur, vielmehr steht man nach dem Eintreten direkt in der winzigen Küche. Daneben eine kleine Wohnstube und davon abgetrennt eine noch kleinere Kammer. Hinter der Küche die steile Trepe zu den drei winzigen Räumen des Obergeschosses, danach noch ein zweiter Ausgang zur Rückseite.
Besonders reizvoll ist, dass das Haus direkt neben dem Austragshaus des Neher-Bader-Hofes steht, so ergibt sich eine malerische Ansicht zweier Kleinsthäuser.
Die Seilerbahn aus Langenhaslach
Dieses niedrige und schmale, aber sehr, sehr lange Gebäude, zur Hälfte gemauert, die andere Hälfte aus Balken und Brettern gebaut, stand bis etwa 1990 in Langenhaslach hinter dem Hof des Georg Mahler, auf einem ganz schmalen Streifen zwischen Haus und Straße. Da die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe fast überall verschwunden waren und damit auch die Nachfrage nach Seilen und Stricken, war das Gebäude überflüssig geworden und stand zudem einem geplanten Erweiterungsbau des Bauernhauses im Weg. Kaum noch unterhalten, war es dem Verfall ausgeliefert, bis es durch einen glücklichen Zufall ins Visier von Georg Simnacher geriet und als Objekt für die Kreisheimatstube bestimmt wurde. Da 1991 eh das Neher-Bader-Haus ins Museum integriert wurde, rundete die langgestreckte Seilerbahn das Gelände auf der Südseite des Museumsgrundstücks passend ab. Der Aufwand für das Umsetzen hielt sich in Grenzen und als besonderer Glücksfall ergab es sich zudem, dass Georg Mahler seine Bahn weiter betreute und bis zu seinem Tod 2016 regelmäßig Vorführungen im Museum durchführte. Seither ist es stiller um die „Lange“ im Museum geworden, aber vielleicht gibt es mal wieder einen Hobbyseiler, der sie wieder wachküsst. Es würde sich sicher lohnen.