Heinrich Unsin, der im Mittelpunkt dieser Seite steht, war ein Augsburger Handwerker in der Zeit, da handwerkliche Meisterarbeit Grundlage industrieller Fertigung wurde. 1865 geboren und 1951 gestorben, durchlebte er beide Seiten dieses Übergangs intensiv. Bei seiner Erwerbsarbeit als Silberschmied war er Gestalter, mitunter waren auch bildhauerische Fähigkeiten erforderlich, daneben war in seiner Freizeit in vielen musischen künstlerischen Gewerken tätig. Er war Zeichner, Autor in Standardsprache und Mundart und vor allem Musiker, spielte mehrere Instrumente, gründete und leitete mehrere Musikensembles, war Sänger und Chorleiter und Komponist.

Herkunft

Die Familie Unsin (mit einem n am Ende) lässt sich im 19. Jahrhundert  im sogenannten Lechrain, insbesondere im Raum Landsberg, zwischen Lech und Ammersee nachweisen, findet sich aber auch im davon westlich liegenden, schwäbischen Gebiet zwischen Mindelheim und Buchloe. In dem hier gelegenen Dorf Oberrammingen wird 1819 der Söldnersohn Magnus Unsin geboren, dessen Vorfahren in den Kirchenbüchern erstmals bei der Hochzeit seiner Urgroßeltern Florian Unsin und Maria Schaumann am 5. Februar 1751 auftauchen.

Die Heimat der Familie von Heinrich Unsin auf einer Karte des frühen 19. Jahrhunderts

Magnus Unsin kam nach seiner Schulzeit wohl nach Augsburg und erlernte den Beruf eines Silberschmieds. Zielstrebig und leistungsfähig schaffte er es Mitte der 1840er Jahre sogar die Meisterprüfung in diesem Gewerbe abzulegen, dass er ab 1847 in seiner eigenen Meisterwerkstatt tätig sein konnte. Anhand seiner Meisterpunze MU lassen sich die Produkte aus seiner Werkstatt Auf dem unteren Kreuz, heute Auf dem Kreuz 7 auch heute noch nachweisen. Er fertigte vom Silberbesteck für gehobene bürgerliche Familien bis hin zu Ritualgegenständen jüdischer Synagogen all das, wofür die seit Jahrhunderten bekannten Silberschmiede Augsburgs berühmt waren. Ein beruflicher Höhepunkt in dessen beruflicher Schaffenszeit war sicher der Auftrag der Stadt Augsburg ein prächtiges Geschenk für die Hochzeit des Bayerischen Königs Ludwig II. zu fertigen. Es wurde eine Kopie des Augsburger Augustusbrunnens als großer Tafelaufsatz, der mit Wein gefüllt werden konnte. Schon der Kostenvoranschlag dafür belief sich auf 5000 Gulden, die Endabrechnung ergab 6533 Gulden, von denen die Stadt aber nur 5346 Gulden bezahlte, da man das Geschenk wegen der Absage der Hochzeit nicht mehr benötigte. Die einzigartige Silberarbeit hat sich bis heute unbenützt in den Kunstsammlungen des Maximilianmuseums erhalten.

Eine eigene Seite für Magnus Unsin, den Vater des Heinrich, finden Sie auf meinen Seiten unter folgendem Link:            https://bidmon.com/magnus-unsin-1819-1889/

Heinrich Unsin Biografisches

Am 23. August 1865 erblickte der ersehnte Nachfolger für die Schmiedewerkstatt das Licht der Welt und wurde auf den Namen Heinrich getauft Er wuchs im Handwerkerhaus Auf dem Kreuz 7 auf, erlernte bei seinem Vater das Handwerk eines Silberschmieds und arbeitete nach der Lehre in der Werkstatt weiterhin mit, bis 1889 sein Vater Magnus Unsin verstarb. Heinrich Unsin führte die Werkstatt von da an allein weiter, verkaufte sie jedoch schon 1895. Seine letzte Schmiedearbeit war ein Buckelpokal, als Geschenk für seine Frau. Er trat nach dem Verkauf als tätiger Teilhaber ins Geschäft seines Schwiegervaters ein, der nicht weit von der Silberschmiede, in der Langen Gasse 24, einen Kolonialwarenladen betrieb.

Vergoldeter Pokal den Heinrich Unsin zum Ende seiner Silberschmiedetätigkeit für seine Frau angefertigt hat.
Heinrich Unsin und seine Frau Amalie im Garten

Wir wissen nicht, warum er das Geschäft aufgab. Waren es seine musischen Neigungen, die er bislang zurückstecken musste und denen er mehr Zeit widmen wollte, oder waren es wirtschaftliche Gründe. Das im 17. und 18. Jahrhundert weltberühmte Augsburger Silberschmiedehandwerk hatte durch die Säkularisation 1803 einen wichtigen Teil seiner Käuferschaft eingebüßt. Unzählige kleinere Herrschaften hatten ihre Selbständigkeit verloren, die Schatzkammern der verbliebenen Herren waren durch die Übernahmen der weltlichen und klerikalen Schätze prall gefüllt. Nach einer kurzen Blütezeit in der sogenannten Gründerzeit, die eine große Nachfrage nach Kopien alter Meisterstücke brachte, hatte das Handwerk gegen Ende des Jahrhunderts schwer mit der neu entstandenen Konkurrenz der industriellen Silberverarbeitung zu kämpfen.

In seiner Zeit in der Langen Gasse wurde 1896 sein gleichnamiger Sohn und 1898 seine Tochter Hella geboren.

Nachdem er sich sechs Jahre lang gründlich in die neue Berufswelt eingearbeitet hatte, eröffnete er 1901 ein eigenes Geschäft in der Singerstraße 12, im gutbürgerlichen Bismarckviertel gelegen, das er aber schon drei Jahre später aufgibt um als Angestellter in die damals recht bekannte Lampenfabrik Riedinger einzutreten. Auch dort bleibt er nur wenige Jahre, 1908 tritt er sein letztes Beschäftigungsverhältnis im Lohnbüro der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) an. Von dort geht er 1924 in Ruhestand.

Er wohnt weiter in der bisherigen Umgebung, zuletzt in der Kesterstraße 27, unterhalb des heutigen Eisstadions. Ende Oktober 1945 verlässt er als Achtzigjähriger mit Frau und Tochter seine Heimatstadt Augsburg und zieht nach Regenstauf in der Nähe von Regensburg, da sein einziger Sohn nach einem Arbeitsplatzwechsel seit 1937 auch in der Umgebung von Regensburg wohnt. Dort stirbt er nach einem erfüllten Leben am 28. September 1951.

Ein Weihnachtsabend der Familie um 1920, Heinrich Unsin am Klavier mit Ehefrau Amalie, Tochter Hella und Sohn Heinz
Titelseite der Lebenserinnerungen
Ein Märchenbuch Heinrich Unsins, bislang unveröffentlicht

Sein Leben hat er in einer 20-bändigen Chronik, die er auf der Grundlage seiner Tagebuchaufzeichnungen erstellt hat, niedergeschrieben. Darin enthalten sind auch Gedichte und andere literarische Arbeiten.

Bewahrt von der Familie hat sich dieser schriftliche Nachlass bis heute bewahrt und konnte zur Grundlage dieser Seite werden. Mein herzlicher Dank für die Zurverfügungstellung gilt Herrn Prof. Charalampos Aslanidis und seiner Ehefrau Sabine, einer Urenkelin Heinrich Unsins.

 

 

 

 

 

 

 

 

Heinrich Unsin als Autor und Mundartschriftsteller

Zu Weihnachten 1923 lässt er, im feldgrauen Pappumschlag, ein kleines Bändchen von 32 Seiten mit Gedichten erscheinen. Es enthält eine Sammlung von Gedichten in schwäbischer und oberbayerischer Mundart. Nach einer Widmung an seinen lieben alten Freund Adam Rauh enthält es 28 Mundartgedichte, davon vier in oberbayerischer und 24 in schwäbischer Mundart. Sein Titel Feldbleamla ist so zart und bescheiden wie die gesamte Aufmachung des kleinen, in wirtschaftlich schlechtester Zeit erschienenen Bändchens.

Alle Gedichte erzählen eine kurze humoristische Szene, Unsin führt alle sprachlich gewandt auf eine schlagkräftige Pointe hin. Sie sind damit bestens geeignet in fröhlicher Runde zur Unterhaltung vorgetragen zu werden, hierzu hatte er in seinem Leben ja mehr als reichlich Gelegenheit.

Sein Nachlass enthielt wohl 7 handschriftliche kleine Büchlein, deren Verbleib nicht bekannt ist. Vielleicht befand sich darunter ein Bändchen mit dem Titel Allerhand vom Schwobaland , das die Library of Congress in Washington DC in ihrem Bestand aufzählt, 1929 ist dieses Buch mit einem Umfang von 42 Seiten erschienen.

 

 

 

 

 

 

Feldbleamle Seite 2+3
Feldbleamle Seite 4+5
Feldbleamle Seite 6+7
Feldbleamle Seite 8+9

Heinrich Unsin als Musiker, Chorleiter, Sänger, Orchestermitglied und -leiter und Komponist

Von links: H. Unsin; Josef Vogl; Hans Jaeger; Josef Eckhardt; Georg Ramsperger; Heinrich Fuchs.

Die wichtigste Passion seines Lebens war ohne Zweifel die Musik. Er spielte Geige und Klavier, war Mitglied der Augsburger Liedertafel und des Augsburger Orchestervereins, sowie Chormeister des Gesangsvereins Germania. Er gründete und leitete mehrere kleine Ensembles, darunter auch ein bayerisches Trachtenquartett. Eine besondere Liebe hatte er auch für das Komponieren. Die von ihm geführte Opusliste führt auf 10 Seiten über 100 Werke auf, zahlreiche Lieder, Tänze, Märsche, Instrumentalmusik für verschiedenste Besetzungen, selbst für großes Orchester und Militärmusik, daneben auch Vokalmusik für Männer- und Frauenchöre und Lieder mit verschiedensten Begleitungen.

Die ersten zwei Seiten der Werkliste
Von links: Rupert Häußler, Heinrich Unsin, Franz Häußler, Xaver Selzle, Anselm Maurer

Die große Bekanntheit Heinrich Unsins in seiner Vaterstadt Augsburg zeigt sich, trotz seines Wegzugs nach Regenstauf, durch Augsburger Zeitungsartikel zu seinem 85. Geburtstag und zu seinem Tod.